Wunden heilen langsam
Tschernobyl - drei Lebend danach
Zeichnungen von Dr. Dietrich Wegener im Herrenhaus Sickte
Die Wanderausstellung wurde von der Tschnernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e. V. zur Verfügung gestellt.
Link: Tschernobyl Initiaitve

Prof. Dr. Dr. Kwiran (links) hielt die Laudatio zur Ausstellungseröffnung, die mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung frei gegeben wurde. Im Bild rechts Dr. Dietrich Wegner.
Dr.Dietrich Wegner, geb. 1942, studierte Veterinärmedizin in Hannover und Mün-chen und übernahm 1969 die väterliche Tiermedizin-Praxis. Sein Hobby ist die Malerei. Alles was er mit Zeichenstift, Pinsel und Kreide produziert, entsteht ohne akademische Ausbildung dafür aber mit umso mehr Übung und genaues Be-obachten und handwerklichem Geschick. Waren es am Anfang hauptsächlich Tiermotive, die ihn interessierten und die er zu Papier brachte, so kamen mehr und mehr auch Menschen in seinen Bildern vor. Eigentlich wollte er sich im März 2001 im Rahmen eines Handwerkereinsatzes im belarussischen Kinderzentrum Nadeshda für strahlengeschädigte Kinder nützlich erweisen, kam aber kurz vor der Abreise zu dem Entschluss, den Tschernobyl-Kindern und der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt nachhaltiger nützlich sein zu können, wenn er zum Thema „Tschernobyl-Kinder“ eine Ausstellung erarbeitet. Vor Ort wurde er unterstützt von dem Kinderzentrum Nadeshda und vor allem von dem Fotojournalist Anatol Kliashchuk.
Prof. Dr. Dr. d. Lit. Manfred Kwiran, Wülperode.
Prof. Dr. theol. Manfred Kwiran, geb. 1939, ist Theologe, Pädagoge/ Religions-pädagoge und Soziologe. Ordinierter Pfarrer und ehem. Leiter des Amts für Religionspädagogik der Ev.-luth. Landeskirche Braunschweig, aktive Professur an der Uni Bern, Mitglied Nds. Bildungsrat von 1999 bis 2002. Amerikanischer Ehrendoktor ("doctor of literature" von der Concordia Universität, Nebraska, USA.) 1998 war Manfred Kwiran zusammen mit einer Reise-Gruppe der Tschernobyl-Initiative in der Ukraine und in Belarus. Danach unterstützte er aktiv die Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt und brachte u.a. eine Fotomappe mit Arbeitshilfen für den Unterricht mit dem Titel „Kinder von Tschernobyl – Erben einer Atomkatastrophe“ heraus.

Zu Gast bei der Ausstellungseröffnung war Fotojournalist Anatol Kliashuk aus Minsk (Belarus).
Anatol Kliashchuk, geb. 1957, lernte den Reporterberuf an der staatlichen, be-larussischen Universität. Er ist als Fotojournalist an einer belarussischen Zeitung in Minsk tätig. Seit 1994 wurden seine Fotos in zahlreichen Ausstellungen in Europa und USA gezeigt. Er hat Fotobücher über Belarus und der Tschernobyl-Katastrophe (mit-) herausgegeben. Er hat viele Auszeichnungen sowohl für die Dokumentationen zur Tschernobyl-Katastrophe als auch für seine ausdrucks-starken Landschaftsfotos erhalten.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Ala und Gennadiy Vinogradskiy(Akkordeon und Domra).
Laudatio von Prof. Dr. Dr. Manfred Kwiran
anlässlich der Ausstellungseröffnung am 5. März 2010
im Rittersaal des Herrenhauses Sickte
Am Mittwoch, 3.März, also vor zwei Tagen berichtete die Braunschweiger Zeitung unter dem Titel ”Auf Stippvisite im Endlager-Land”, dass Bundesumweltminister Norbert Röttgen Gorleben zu Ende erkunden lassen möchte(S.3) und hätte noch keine Lösung für die Asse. Es gibt manche Politiker, die gerne Gorleben als Endlager für hochaktiven Müll ausbauen. Die Zeitung: ”Das immerhin soll dann unter der Erde liegen. Im Landkreis Wolfenbüttel schließlich lagern rund 126 000 teils marode Fässer mit Atommüll in der Einsturz gefährdeten Asse.”(Michael Ahlers, Auf Stippvisite im Endlager-Land”, Braunschweiger Zeitung (3.3.2010),S.3) Was für ein Bruch wen wir jetzt zu der Sammlung von den Zeichnungen von Dr. Dietrich Wegner schreiten.
”Wunden Heilen Langsam. Tschernobyl – drei Leben danach” so der Titel mit den Zeichnungen und Texten von Dr. Wegner. Paul Koch hat in seinem Vorwort zur Kunstsammlung an das japanische Mädchen Sadako erinnert, die nach dem Atombombenabwurf von Hiroshima nicht geheilt werden konnte und das Schicksal von weißrussischen und ukrainischen Kindern teilte. ”So lange ein Kind lebt, lebt die Hoffnung – auch wenn die Wunden nur langsam heilen.” (Wunden Heilen Langsam. Mit Zeichnungen und Text von Dietrich Wegner. Hg.v. Männerarbeit der Ev.- luth. Landeskirche in Braunschweig et al. Wolfenbüttel / Minsk 2003,S.5)
Vieles ist geschrieben worden, viele Menschen haben und sind auch heute noch engagiert um den Menschen in dieser Katastrophenregion zu helfen. Das Engagement, egal wie groß oder klein darf nicht aufhören…die Berichte darüber auch nicht…Berichte aus dem alltäglichen Leben helfen sich mit den Menschen zu identifizieren, deren Leid, deren Hoffnung und motivieren alles nur denkbare zu unternehmen, dass Linderung der Not geschehen kann, dass ein Umdenken, ein neues Bewusstsein prägt, das das sogenannte menschlich-technisch Machbare nicht als Gottes Segen an sich bezeichnet wird.
In einem dieser wichtigen Berichte lesen wir von einen Dorf in der anspruchsvollen Wochenzeitung DIE ZEIT. Unter der Rubrik ”Modernes Leben”, könnte sogar zynisch sein es hier abzudrucken, der Titel ”Der liebe Gott vergisst uns nicht”. Hier leben nur noch 28 alte Menschen. Das Dorf ist von allen Landkarten gestrichen worden ca. 25 Kilometer von Tschernobyl: ”Vor dem Unfall im Kernkraftwerk blühte hier die Landwirtschaft auf winzigen Familienparzellen, zog man Kinder auf, feierte Hochzeiten und ging früh Abend schlafen. Es ist eine malerische Gegend mit einem kleinen See, einem Wald und unzähligen Kirschgärten. Nach dem 26.April 1986, ist auch in Krenitschij alles anders geworden. Die meisten Häuser, in denen einst 700 Familien lebten, stehen leer, denn das Gebiet ist radioaktiv verseucht. Nur 28 Menschen sind zurückgekommen, darunter ihr Pope von der orthodoxen Kirche. Solange hier noch jemand lebt, will auch er bleiben.”(Alexander Furman, Der liebe Gott vergisst uns nicht, in: DIE ZEIT Nr.18 (26.April 1991),S.82)
Die Zeichnungen und Texte von Dr. Wegner spiegeln einander – sprechen uns an – hautnah! In den Zeichnungen von Dr. Wegener schauen uns drei Kinder an - unterschiedlich befragen uns ihre Gesichter.
So sehen wir das strahlende lachende Mädchengesicht, Irina aus dem kleinen Dorf im Gebiet Gomel. Vier Geschwister und 25 Familien lebten hier, arbeiteten im Stall oder auf den Feldern, kümmerten sich um das Land und Garten, die Ernte, die Jahreszeiten mit Werden und Vergehen, um die Tiere, die ihnen anvertraut waren. Jedes Tier hatte einen Namen. Sie waren ihnen wichtig als Mitgeschöpfe, in der Luft der Geruch und Duft von gemähten Weiden. ”Die Nacht war erfüllt vom Konzert tausender Grillen im Gras. Und manchmal sahen wir Sternschnuppen und wünschten uns, dass alles immer so bliebe…” (S.16). Es folgt ein dunkelbau-gehaltenes Bild mit dunklen Wolken, ein paar Häuser, die Kirche ist deutlich zu sehen..und der Text bringt uns einfühlsam die Katastrophe so nahe, wie kaum ein wissenschaftlicher Bericht es bringen könnte:
”Aber dann kam dieser 26.April – es war ein so schöner warmer Tag – am Morgen hatte der leichte Wind etwas Regen gebracht und die braune Erde duftete frisch – aber in der Nacht des 27. wehte er den giftigen Staub in unser Dorf. Heimtückisch und unmerklich rieselte er in unseren Dorfteich und in die Brunnen, legte sich auf den Salat im Garten und auf die Blütenknospen in den Apfelbäumen, verdarb das junge Getreide auf den Feldern und drang in den Boden, lag in der Atemluft und war in der Milch der Kühe.”(S.18) Immer wieder Bilder aus dem Alltag…als ob nichts wäre und dennoch ist alles anders geworden…mit dem Schulbus nach Nadeshda, über Ostern, eine Klassenfahrt…
Die Bilder um das zweite Mädchen Swetlana. Ein mehr ernstes Gesicht und fragend schaut sie einen an…anfangs beinahe Farbenfroh..auch das Gespräch mit der Schulfreundin Ludmilla….”über den Fluss und in das weite Land dahinter geschaut und geträumt, dass es immer so bleiben möge!” (S.48) Aber es sind dann auch graue und leidende Bilder des kranken und dann sterbenden Vaters… die Schwester von Swetlana… die traurige Julja ist krank… nach dem Kirchgang mit der Mutter..wenig hoffnungsvoll….Swetlana versucht ihre Mutter zu verstehen: ”Wahrscheinlich spricht sie mit Papa”.
Das dritte Mädchen ist Olga…. ist eher ängstlich…”Bis zu meinem sechsten Lebensjahr lebte ich glücklich und in eins mit der Natur ringsum in den Tag hinein.”(S.70) Auch hier wieder sprechen die Zeichnungen unser Gefühlsleben an ..die sanften Farben..der Alltag..die Sorgen…die Hoffenden und die Kranken….
Die Klassenfahrt und die Erlebnisse in Nadeshda sind farbenfroh, spiegeln die Erfahrungen, lassen Hoffnung keimen, die entsprechende Zeichnung. Kinder im Garten, ein Mädchen schaukelt…darunter der Regenbogen und strahlende Sonne und auch dann kommt der Abschiedstag…”Nadeshda gibt uns Hoffnung und die Gewissheit, dass unser Kinderleben irgendwann einmal auch anders sein könnte….wie es in unserer alten Heimat einst war!”(S.128)
Tschernobyl….”Nach der schwersten technischen Katastrophe in der Geschichte der Menschheit sind die Folgen der Atomreaktor-Explosion…immer noch nicht bewältigt….10.000 Quadratkilometer Erde in Weißrussland, der Ukraine und in Russland sind schwerstem radioaktiv verseucht, 8,7 Millionen Menschen sind von der Katastrophe direkt betroffen, 570.000 wurden umgesiedelt, 225.000 Menschen aus den Sperrzonen evakuiert. Die gesundheitlichen Schäden der Bevölkerung infolge der Reaktor-Explosion sind in ihrem wahren Ausmaß kaum erahnbar. Denn abgesehen von Tausenden Toten zeigen medizinische Studien eine dramatische Zunahme unter anderem bei Krebserkrankungen (vor allem bei Kindern) und genetische Schäden.” (Die Lehren aus Tschernobyl, S.1) Nach den ersten 10 Jahren wurde gesagt: ”Die erste große Lehre, die aus Tschernobyl – auch für uns – zu ziehen wäre, hat sich selbst zehn Jahre nach dem Unfall noch nicht wirklich in den Köpfen aller festgeschrieben. Sie lautet: Bei den Folgen einer Kernkraft-Katastrophe endet jede technische Machbarkeit!” (Die Lehren, a. a. O) Die zweite Lehre lautet: ”Das Risiko, das sich aus der Nutzung der Kernkraft ergibt, ist unkalkulierbar!” (Ebd.,S.2) Und heute? Was haben wir hinzu gelernt? Getan? Sehr viel durch Tschernobyl Initiativen durch Künstler, engagierte Menschen und dennoch greift kaum ein globales Bewusstsein.
Und so stellt sich die Frage kann es überhaupt Kunst nach Tschernobyl geben?
Susanne Gölitzer von der Heinrich-Böll-Stiftung stellte sich diese Frage: ”Ist Kunst nach Tschernobyl möglich?”
”Grob gesagt, kann Kunst als Geigerzähler für die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Selbstdefinitionen verstanden werden. Die veränderten Stimmungen und das veränderte Verständnis vom Verhältnis ‚Mensch und Natur‘, ‚Fortschritt und Ursprünglichkeit‘, ”Kollektivität und Individualismus‘ usw. sind der Kunst abzulesen. Weil Kunst sich erlauben kann, was Politik und Wissenschaft sich viel weniger erlauben können, nämlich keine Rücksicht auf Sachzwänge, bessere Argumente oder die Machbarkeit der Vorhaben nehmen zu müssen, sind hier ((in der Kunst)) Zukunftserwartungen, Hoffnungen und Lebensentwürfe viel eher formuliert, als das realistischerweise zu erwarten ist.”(Ebd.S.2)
Für Susanne Gölitzer muss die Frage gestellt werden: ”Welche Sprache kann nach Tschernobyl noch gefunden werden? Welche Ausdrucksformen erlauben die Darstellung des Unvorstellbaren und der Hoffnung noch, wenn es eine gibt?”(Ebd)
In einem Lexikon las ich vor kurzem: ”Kunst ist eine Darstellung der Wirklichkeit durch das Empfinden des Darstellenden in einer Weise, die auch andere anspricht…Sie strebt nicht reine Nachbildung oder Imitation des Vorfindbaren an, sondern Neugestaltung nach den Gefühlen und Vorstellungen des Künstlers, dem neben der Vision das handwerkliche Geschick eignen muss…Während sie (die Kunst) am Vorfindbaren anknüpft, begnügt sie sich nicht damit, sondern weist immer darüber hinaus.” (Egelkraut)
Lieber Herr Wegner, in ”Wunden Heilen Langsam” sehe Kunst vom Feinsten:” Als Verlangen nach Schönerem, Besserem, Nichtvorhandenem ist sie ((die Kunst)) Zeugnis dafür, dass der Mensch die Erlösungsbedürftigkeit seiner selbst und seiner Welt verspürt und in ihm das Ahnen von einem Besseren wohnt. So schafft sich die Kunst eine eigene Welt, die an die jetzige anknüpft, aber über sie hinausweist – im Guten wie im Schlechten.” ( Helmuth Egelkraut, Kunst, in: Evangelisches Gemeindelexikon. Hg. v. Erich Geldbach et al. R. Brockhaus, Wuppertal 1978 S.320). Sie lassen in ihren Zeichnungen, in ihren Texten die Kinder, die Menschen, die Landschaften zu Wort kommen…sie sprechen uns an..es geht uns an. Es ist auch unser Alltag. Jede Zeichnung, jeder Text, eine ganz besondere Aussage.
Nadeshda spricht von Hoffnung, lässt hoffen, im Ferienlager können die Kinder nach der Katastrophe schöne Ferien verbringen und dennoch bleibt es nach Tschernobyl kein Zuhause, wie es vorher daheim war.
In der Bibel lesen wir gleich am Anfang, dass die Schöpfung Gottes gut war - ohne Makel, nur gut. ”Dieses ‚Gut‘ beinhaltet nicht nur das Element des Zweckmäßigen, sondern auch das Ästhetische de Schönen.” So würde der Alttestamentler Claus Westermann sagen. ”In Gottes ursprünglicher Welt fiel das Gute und das Schöne zusammen.” Und nach Tschernobyl? Kunst kann ein Lobpreis des Schöpfers sein, ein Hinweis auf Gott oder auch auf dessen scheinbare Abwesenheit, ein Hinweis auf das Ungute, auf das auf uns ohne Vorwarnung Hereinbrechende, auf die Katastrophe der Katastrophen für die Menschen und besonders für mich. Kunst kann auch ein Ruf nach Erlösung, nach Lösungen sein, nach einem Suchen dessen was Heil machen kann, Heil macht, Unheil fernhält. Kunst kann auch ein Protest sein, ein Ausruf der Verzweifelung über das was uns, was mich radikal angeht, was Verantwortung abverlangt, was von mir verantwortliches Handeln erwartet….ja erwartet, das ich / wir uns zusammentun und alles versuchen, das diese Gefahr, die noch immer da ist, nicht nochmals zu einer Katastrophe ausbricht, explodiert. Und ein zweites: Das wir alles unternehmen um in unserem kleinen Kreis, auch wenn immer erst mit ersten Schritten, versuchen ein Bewusstsein zu schaffen, das Kreise zieht, das möglichweise ein Weltbewusstsein, ein neues Ethos anfängt zu formen, ein ethisches Handeln, das von keinem Politiker, von keinem noch so ehrgeizigem Wissenschaftler, vor noch so gier-motivierten Nuklear-Konzern haltmacht und in vielleicht ganz einfachen Worten einfach sagt: Du, das Leben ist schön, und das Frühlingserwachen zeigt auch jetzt wieder, wie schön doch unsere Welt ist und sein kann und bleiben kann. Es geht um Leben, unserer Welt, unserer Kinder, es geht um uns, hilfst Du mit?