
"Volkberts Begegnungen nach der Gnade der späten Geburt"
Am 6. Januar 2007 eröffnete der Wolfenbütteler Autor Jürgen Kumlehn das Jahresprogramm der Sickter Kulturinitiative mit einer Lesung im Hötzumer Bücherhof.
Jürgen Kumlehn las den Text: "Volkberts Begegnungen nach der Gnade der späten Geburt". Dieser Text wurde im Jahr 2001 von der Literatur AG der "Braunschweigischen Landschaft" anlässlich eines Literaturwettbewerbes zum Thema "Begegnungen" mit dem 1. Preis ausgezeichnet.
Zu Beginn seiner Lesung gab Jürgen Kumlehn eine kurze Einführung:
„Zum Thema „Begegnungen“ erwartete die Jury Gedichte und Prosa-Texte, die nicht mehr als 10 Seiten umfassen sollten. Das Thema reizte mich. – Begegnungen? 10 Seiten zu Begegnungen – mit Lessing in Wolfenbüttel, oder vielleicht mit Bürgermeister Lorenz am Sickter Herrenhaus?
Mein Lebensthema ist die deutsche nationalsozialistische Gewaltherrschaft, nicht die Verherrlichung, auch nicht die Verfälschung. Meine Absicht ist es nicht, Schuld zu verteilen. Ich möchte erinnern, denn das bin ich den Opfern schuldig. Das empfinde ich als meine Verantwortung. Ich bin keine Schriftsteller, kein Autor, kein dichter, vielleicht ein Mitdenker – eigentlich bin ich ein Erinnerer“, so Jürgen Kumlehn.
10 Seiten Prosa-Text, hatte die Jury vorgegeben - 10 Seiten, auf denen Jürgen Kumlehn schaffte, eine Autobiografie in kurzen knappen Rückblenden zu skizzieren, basierend auf einer prägenden Vater-Sohn-Beziehung. Besonders beeindruckend bei diesem Text ist der komprimierte, stakkatoartige Schreibstil, der schnörkellos daherkommt und gleichzeitig vorstellbare Bilder für Zuhörer zu zeichnen vermag...
Volkbert begegnet dem 2. Weltkrieg, jedoch nicht selbst, denn die Gnade der späten Geburt hat ihn davor verschont. Hineingeboren in die letzten Monate des Krieges, wächst er in der Zeit danach auf, die für Neubeginn und Aufbruch, aber auch für Schweigen steht. Volkbert sucht die Begegnung mit der Zeit vor seiner Geburt - den Kriegsjahren, der Zeit des 3. Reiches, der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Irgendwann beginnt er Fragen zu stellen und er begegnet Antworten, die für ihn keine Antworten sind: „Wir mussten“… Volkert fragt weiter, begehrt gegen die Antworten auf - der Nationalsozialismus wird zum Lebensthema. Gegen das Vergessen - Volkbert wird zum „Erinnerer“.
Eine Bildschirmpräsentation mit Fotografien und Zeitdokumenten sowie Musikeinspielungen unterstrichen nachhaltig die Intensität der beeindruckenden Lesung, der sich im Nachgang ebenso intensive Gespräche und Diskussionen anschlossen.
Zurzeit arbeitet Jürgen Kumlehn an einem dokumentarischen Lesebuch zum Schicksal der Juden in Wolfenbüttel. mr